
Was in uns passiert, wenn wir traumatisiert sind
- Und wie Heilung möglich wird
1. Die Physiologie von Trauma: Ein Blick auf unser Nervensystem
Unser Nervensystem ist darauf ausgelegt, in gefährlichen Situationen blitzschnell zu reagieren: mit Kampf, Flucht oder – wenn alles andere nicht möglich ist – mit Erstarrung. Diese Reaktionen laufen weitgehend automatisch ab und sichern in akuten Bedrohungen unser Überleben.
Die Polyvagaltheorie des Neurowissenschaftlers Stephen W. Porges erklärt, wie fein abgestuft unser autonomes Nervensystem auf Bedrohung reagiert. Es unterscheidet zwischen einem Zustand sozialer Verbundenheit (Vagus ventral), dem klassischen Kampf- oder Fluchtmodus (Sympathikus) und einem letzten Notfallmodus: der Erstarrung oder Kollapsreaktion (Vagus dorsal). Diese Schutzmechanismen sind tief in uns verankert – sie stammen aus einer Zeit, in der Überleben vor allem bedeutete, auf Gefahren unmittelbar reagieren zu können.
Doch was passiert, wenn die Bedrohung vorbei ist, der Körper aber in einem dieser Zustände „stecken bleibt“?
2. Was Trauma wirklich ist – und warum es mehr Menschen betrifft, als man denkt
Trauma meint nicht nur das „Große“ wie Krieg, schwere Unfälle oder Gewalt. Vielmehr ist alles traumatisch, was unser System als potenziell lebensbedrohlich oder überwältigend erlebt – insbesondere, wenn wir uns dabei allein, hilflos oder dauerhaft überfordert gefühlt haben.
Dazu zählen:
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Schocksituationen (z. B. Stürze, Operationen, Autounfälle),
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emotionale Verletzungen (z. B. Zurückweisung, Bindungsverlust),
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und vor allem frühe Entwicklungstraumata, die oft unbewusst wirken, weil sie in einer Zeit entstehen, in der unser Selbst noch im Aufbau war (zB. Krankheit oder Gerichtsstreit der Eltern, Umzüge mit Beziehungsabbruch, Parentisierung).
Bindungs- und Entwicklungstraumata können entstehen, wenn emotionale Nähe, Sicherheit oder einfühlsame Begleitung gefehlt haben – auch ohne „sichtbare Gewalt“. Solche frühen Prägungen wirken tief ins Erwachsenenleben hinein: in unsere Beziehungsfähigkeit, in unser Körperempfinden, in unser Selbstwertgefühl. Sie äußern sich nicht selten in Symptomen wie Schlafstörungen, Angstzuständen, chronischer Anspannung, innerer Leere oder auch körperlichen Beschwerden ohne klare Ursache.
Viele Menschen kompensieren solche inneren Spannungszustände über Leistung, Perfektionismus oder Rückzug – bis das System irgendwann nicht mehr „mitspielt“. Neuere Forschungsergebnisse belegen, dass frühe Entwicklungstraumata besonders häufig in der Biografie von Menschen mit chronischen oder multiplen Erkrankungen vorkommen. Sie gelten zunehmend als zentrale Mitverursacher tiefgreifender Dysregulationen im autonomen Nervensystem, im Hormon- und Immunsystem – und können dadurch langfristig zur Entstehung verschiedenster körperlicher und psychischer Krankheitsbilder beitragen.
3. Wie Heilung gelingen kann – mit Somatic Experiencing (SE) & NARM
Die gute Nachricht: Trauma ist kein lebenslanges Urteil. Es lässt sich verarbeiten – nicht, indem man alles noch einmal durchlebt, sondern indem das Nervensystem in kleinen Schritten wieder lernt, Sicherheit zu spüren und sich selbst zu regulieren.
Somatic Experiencing (SE), entwickelt von Dr. Peter Levine, setzt genau dort an: beim Körper. Über achtsame Wahrnehmung, mikrodosierte Konfrontation mit früheren Stressreaktionen und die gezielte Unterstützung des „Entladens“ von gebundener Energie kann sich das System neu sortieren. Der Fokus liegt auf Ressourcen, nicht auf dem Trauma selbst. Das, was einst nicht abgeschlossen werden konnte, darf in einem sicheren Rahmen – oft ganz ohne Worte – zur Ruhe kommen.
Gerade bei frühen, bindungsbedingten Traumatisierungen bietet sich zusätzlich die Arbeit mit dem neuroaffektiven Beziehungsmodell (NARM) an. Dieser Ansatz integriert körperpsychotherapeutische, beziehungsorientierte und entwicklungspsychologische Elemente. NARM hilft, die tief verwurzelten Überlebensstrategien zu erkennen, die wir einst gebraucht haben, aber heute oft behindern: z. B. Kontrolle, Rückzug, Anpassung oder Hyperverantwortung.
Ein zentraler Aspekt beider Methoden ist:
Heilung geschieht in Kontakt – mit sich selbst und mit einem Gegenüber, das Halt gibt.
„Der Körper erinnert sich. Doch er kann auch neu lernen, was Sicherheit bedeutet.“
In der Praxis bedeutet das: behutsames Vorgehen, das Nervensystem ernst nehmen, Schicht für Schicht bearbeiten – wie bei einer Zwiebel. Es braucht keine dramatischen Durchbrüche, sondern Sicherheit, Präsenz, feine Regulation und die Erfahrung: Ich darf da sein, wie ich bin. Dann kann der Mensch sich wie der Lotus sich aus dem Schlamm winden und erblühen.
Mehr Infos:
https://polyvagal-akademie.com/theorie
https://www.somatic-experiencing.de/was-ist-somatic-experiencing/
https://www.uta-akademie.de/de/angebot/das-neuroaffektive-beziehungsmodell-narmtm

