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Schwellenzeit - zwischen den Jahren

Ich spüre in diesen Tagen sehr deutlich, wie ich mit den kürzer werdenden Tagen mehr nach innen gehe. Etwas in mir wird leiser, langsamer. Es entstehen Abende, an denen wieder Raum da ist, bei Kerzenschein zu sitzen, ein Buch in den Händen zu halten – ohne Ziel, ohne etwas schaffen zu müssen.


Dabei zieht es mich gerade besonders zu den Wurzeln unseres Menschseins und zu alten Traditionen. Vielleicht, weil sie aus einer Zeit stammen, in der die Dunkelheit nicht als bedrohlich erlebt wurde, sondern als notwendiger Teil des Lebens. Als eine Phase, die nicht überwunden, sondern durchschritten werden wollte.


Die Wintersonnenwende markiert den dunkelsten Punkt des Jahres. Mehr Dunkelheit gibt es nicht – und genau hier wendet sich etwas. Das Licht kehrt zurück, kaum merklich, leise, Schritt für Schritt. Für frühe Kulturen war dieser Moment von großer Bedeutung: Er schenkte Orientierung und das Vertrauen, dass dem Dunkel immer auch eine Wandlung innewohnt.


Die Tage zwischen den Jahren galten als Schwellenzeit – als eine Zeit außerhalb der Zeit. Das gewohnte Tun durfte ruhen, das Rad sollte stillstehen. Nicht, weil nichts geschah, sondern weil sich im Stillwerden etwas im Inneren sammeln und ordnen konnte.


Die sogenannten Rauhnächte wurden als besonders durchlässige Zeit erlebt. Häuser und Räume wurden mit Kräutern ausgeräuchert – als symbolischer Akt des Klärens und Loslassens. Der aufsteigende Rauch verband Innen und Außen, Sichtbares und Unsichtbares.


Vielleicht kennst du auch die kleinen Räuchermännchen aus der Weihnachtszeit. Was heute oft verspielt oder dekorativ wirkt, verweist auf eine sehr alte Praxis: das Räuchern als Schutz, als Reinigung, als bewusster Übergang zwischen dem, was war, und dem, was kommen darf.


Auch viele Bilder unseres heutigen Weihnachtsfestes tragen diese alten Bedeutungen noch in sich. Die Geburt Christi als Licht in der dunkelsten Zeit knüpft an das uralte Motiv der Wiedergeburt des Lichtes an. Und der Weihnachtsbaum – immergrün und mit Lichtern geschmückt – erinnert an den Weltenbaum: ein Sinnbild für Verwurzelung und Verbindung, für das Zusammenspiel von Himmel und Erde.


Anthropologisch berühren diese Rituale etwas sehr Ursprüngliches in uns: unser Bedürfnis nach Sinn in Übergängen, nach innerer Sammlung, bevor Neues entstehen kann. Viele dieser Bräuche sind uralt und haben große kulturelle Umbrüche überlebt – Zeiten des Wandels, neue Religionen, neue Weltbilder. Nicht, weil man an ihnen festhalten wollte, sondern weil sie etwas in uns ansprechen, das zeitlos ist.


Lange bevor es Kalender, Zeitpläne oder Jahresziele gab, wussten Menschen intuitiv, dass Wandlung Zeit braucht. Dass das Neue nicht gemacht werden kann, sondern wächst – oft lange im Verborgenen.


Vielleicht magst du dir in diesen Tagen eine kleine Pause schenken.


Wenn wir zur Ruhe kommen, zeigt sich oft ganz von selbst, wo wir im Alltag anspannen. Wo wir halten. Wo wir uns nach außen ausrichten, ohne es zu merken. Und manchmal genügt es, das für einen Moment wahrzunehmen – ohne etwas daraus zu machen.


–––


Eine kleine Einladung für die Zeit zwischen den Jahren


Setze dich für ein paar Minuten an einen ruhigen Ort. Vielleicht mit einer Kerze.


Spüre den Kontakt deines Körpers: die Füße am Boden, den Rücken an der Lehne oder Wand.


Richte deine Aufmerksamkeit sanft nach innen – nicht in den Kopf, sondern in den Körper.


Stelle dir eine einzige Frage, ohne sie beantworten zu wollen:


Was in mir ist gerade im Winter?


Nimm wahr, wo es still ist, wo müde, wo vielleicht etwas ganz Zartes lebendig.


Du musst nichts verändern. Vielleicht legst du eine Hand dorthin, wo du etwas spürst.


Zum Abschluss ein Atemzug – und innerlich der Satz:

Es darf so sein.


–––


In meiner therapeutischen Arbeit und in meinen Kursen beginne ich oft genau hier: beim Lauschen auf das, was im Körper schon da ist, bevor wir etwas verstehen oder verändern wollen. Die Zeit zwischen den Jahren bereitet dafür auf leise und natürliche Weise den Boden.


Möge diese dunkle Zeit dich erinnern an das, was dich trägt.

Möge in der Ruhe etwas in dir Wurzeln schlagen.

Und möge das, was wachsen will, seine eigene Zeit finden.

 
 
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